Maria, Mutter der Hoffnung

Monseigneur Roger HOUNGBÉDJI, Erzbischof von Cotonou, behandelt das Thema „Maria, Mutter der Hoffnung“. Diese Predigt wurde anlässlich des Hochfestes Mariä Himmelfahrt 2026 in der Wallfahrtskirche Notre-Dame de Montligeon gehalten.

Predigt von Monsignore Roger HOUNGBÉDJI vom 15. August 2026

Maria, Mutter der Hoffnung

Liebe Pilger, liebe Brüder und Schwestern in Christus,

An diesem Hochfest Mariä Himmelfahrt freue ich mich, an diesem bedeutenden Ort der Spiritualität, der dem Gebet für die Verstorbenen gewidmet ist, bei Ihnen zu sein, um Sie im Glauben zu bestärken und einige Gedanken mit Ihnen zu teilen. Das Thema, über das wir nachdenken sollen, lautet: „Maria, Mutter der Hoffnung “. Das Jubiläum im Jahr 2025 bot uns Gelegenheit, ausführlich über das Thema der Hoffnung nachzudenken, das eine der grundlegenden Säulen unseres christlichen Glaubens darstellt. Bei dieser Gelegenheit lud Papst Franziskus uns ein, uns im Glauben als „Pilger der Hoffnung“ auf den Weg zu machen, berufen, unseren Glauben neu zu beleben und niemals der Verzweiflung nachzugeben, sondern uns vielmehr Gott anzuvertrauen, der diejenigen, die auf ihn zählen, niemals im Stich lässt.

Dieser Aufruf zur Hoffnung findet an diesem Ort, der dem Gedenken an die Verstorbenen gewidmet ist, einen besonderen Widerhall. Wenn das Geheimnis des Todes und der Auferstehung Christi die Grundlage der christlichen Hoffnung bildet, inwiefern kann dann Maria (deren Himmelfahrt wir heute feiern) als Mutter und Vorbild der Hoffnung bezeichnet werden?

Wir werden dieses Thema in zwei Schritten behandeln. Zunächst werden wir uns mit der Bedeutung der Hoffnung in der Bibel (Altes und Neues Testament) befassen. Dabei geht es darum, die alttestamentarischen und neutestamentarischen Wurzeln des Themas der Hoffnung mit all seiner theologischen Bedeutung zu beleuchten. In einem zweiten Schritt werden wir untersuchen, inwiefern Maria, unser Vorbild, als Mutter der Hoffnung bezeichnet werden kann. Unsere Betrachtung wird sich hier ausdrücklich auf die Texte des Neuen Testaments konzentrieren.

Biblische und theologische Bedeutung des Themas „Hoffnung“

Das Thema der Hoffnung zieht sich wie ein goldener Faden durch die gesamte Heilige Schrift und verbindet die verschiedenen Etappen der Heilsgeschichte miteinander. Von der Verheißung an Abraham bis zum Schlussruf der Offenbarung – „ Amen! Komm, Herr Jesus! » (Offb 22,20) – erzählt die Bibel die Geschichte eines Volkes, das lernt, nicht aus eigener Kraft, sondern aus der Treue Gottes zu leben. Die gesamte Heilige Schrift ist somit von der Pädagogik der Hoffnung durchdrungen.

Bereits im Alten Testament offenbart die Erfahrung Abrahams, der Gott allein auf der Grundlage seiner Verheißungen gehorchte, nicht nur den Glauben dieses Mannes, sondern auch seine Hoffnung. In der Geschichte des Exodus, vom Schrei der versklavten Hebräer bis hin zum Marsch durch die Wüste, der von den Untreuen des Volkes und der stets erneuten Vergebung Gottes geprägt ist, wird das Thema der Hoffnung besonders deutlich hervorgehoben. Die Psalmen ihrerseits gehören zu den Büchern des Alten Testaments, in denen die Hoffnung am stärksten hervorgehoben wird: „ Hoffe auf den Herrn, sei stark und fasse Mut; hoffe auf den Herrn.“ (Ps 27 (26), 14).[1]Schließlich betonen die Propheten, insbesondere in Zeiten der Prüfung, nachdrücklich die Hoffnung auf das Heil.


[1]Hoffen Sie auf den Herrn, seien Sie stark und lassen Sie Ihr Herz mutig sein, und hoffen Sie auf den Herrn (qawwêh ʾel-YHWH, ḥăzaq weyaʾămēṣ libbekā, weqawwêh ʾel-YHWH.)

Doch trotz dieser wiederkehrenden Thematik wird es nie durch einen einzigen Begriff konzeptualisiert, zumindest nicht im Alten Testament. So wird im Alten Testament die Hoffnung durch eine Vielzahl von Verben ausgedrückt, die die Haltung radikaler Abhängigkeit des Gläubigen gegenüber Gott unterstreichen. Zu den wichtigsten zählen die folgenden Verben:

קָוָה (qāwâ), was „zuversichtlich warten“, „hoffen“ oder „in beharrlicher Erwartung verharren“ bedeutet (vgl. Ps 25,3.5; 27,14; 37,9; Jes 40,31; 49,23); es ist das Verb, das in dem soeben zitierten Psalm verwendet wird: Hoffe auf den Herrn … ( Ps 27);

יָחַל (yāḥal), was an geduldiges und beharrliches Warten erinnert, das auf der Treue Gottes beruht (vgl. Gen 8,10.12: die Haltung Noahs, der auf den Rückgang der Flut wartete; Ijob 13,15: Ijob setzt seine ganze Hoffnung auf Gott; Ps 31,25; 33,18; 130,5–7; Klgl 3,21.24.26);

בָּטַח (bāṭaḥ), das vor allem Vertrauen, Sorglosigkeit, Geborgenheit und das vertrauensvolle Sich-in-die-Hände-des-Herrn-Begeben zum Ausdruck bringt (vgl. Ps 4,6; 9,11; 22,5–6; 56,4; Jes 26,3–4; Jer 17,7); es ist das Verb, das in der berühmten Stelle aus Jer 17,7 verwendet wird: Gesegnet sei der Mensch, der sein Vertrauen auf den Herrn setzt …

חָסָה (ḥāsâ), was „Zuflucht suchen“ bzw. „sich unter den Schutz Gottes begeben“ bedeutet und damit die existenzielle Dimension der Hoffnung als Hingabe an die göttliche Vorsehung hervorhebt (vgl. Rut 2,12; Ps 2,12; 5,12; 7,2; 16,1; 34,9; 57,2; 91,4; Jes 14,32).

Das Fehlen eines einheitlichen Begriffs, insbesondere im Alten Testament, stellt keineswegs ein Problem dar, sondern ist vielmehr ein starkes theologisches Signal: Es weist darauf hin, dass die Hoffnung kein abstraktes Konzept ist, sondern eine konkrete Erfahrung, die auf vielfältige Weise zum Ausdruck kommt. Sie entspringt in erster Linie der Erinnerung an das, was Gott getan hat, was von seiner Treue zeugt und das Vertrauen des Gläubigen begründet. Folglich entspringt die biblische Hoffnung nicht in erster Linie einer optimistischen Projektion auf die Zukunft. Sie wurzelt vielmehr in der Erinnerung an die Taten Gottes. Das bedeutet, dass sie, bevor sie eine Erwartung dessen ist, was morgen geschehen wird, in erster Linie eine gläubige Neuinterpretation dessen ist, was Gott gestern vollbracht hat.

In unserem modernen Kontext, der von einem unerschütterlichen Glauben an die Wissenschaft und an die Vorhersehbarkeit der Technik geprägt ist, muss diese Überzeugung erneut in Erinnerung gerufen werden. Können Wissenschaft und Technik trotz ihrer Leistungsfähigkeit und ihrer Fähigkeit, die Realität zu beherrschen, die Grundlage für die Hoffnung der Menschen bilden? Eine bejahende Antwort würde bedeuten, die Grenzen der Wissenschaft und der menschlichen Vernunft zu verkennen. Deshalb wird der Aufruf zur Hoffnung im Alten Testament häufig mit dem Verb זָכַר (zākar) in Verbindung gebracht, „sich erinnern“, das theologisch die Bedeutung annimmt: das Heilswirken Gottes gegenwärtig zu machen, um daraus das notwendige Vertrauen zu schöpfen, der Zukunft zu begegnen. Man kann also sagen: Die Erinnerung ist die Wiege der Hoffnung.

  • „Denken Sie daran, welchen Weg der Herr, Ihr Gott, Sie vierzig Jahre lang durch die Wüste geführt hat.“ (Dtn 8,2)
  • „Sie sollen daran denken, was der Herr, Ihr Gott, dem Pharao und ganz Ägypten angetan hat.“ (Dtn 7,18)
  • „Erinnere dich an die Tage von einst, betrachte die Jahre von Generation zu Generation.“ (Dtn 32,7)
  • „Ich gedenke der Taten des Herrn; ja, ich denke an Ihre Wunder von einst. Ich sinne über all Ihre Werke nach.“ (Ps 77,12–13)
  • „Erinnert euch an die Wunder, die er vollbracht hat, an seine Wundertaten und an die Urteile, die aus seinem Munde kamen.“ (Ps 105,5)
  • „Ich erinnere mich an die Tage von einst; ich sinne über all Ihre Taten nach.“ (Ps 143,5)
  • „Das möchte ich mir immer wieder vor Augen führen, und das wird mir Hoffnung geben: Die Güte des Herrn ist unerschöpflich, seine Barmherzigkeit hat kein Ende; sie erneuert sich jeden Morgen. Groß ist Ihre Treue! “ (Klagelieder 3,21–23)
  • „Ich bin der Herr, Ihr Gott, der Sie aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft, herausgeführt hat.“ (Ex 20,2)

Es wäre interessant, einen kurzen Blick auf einen alttestamentarischen Text über die Hoffnung zu werfen, ohne uns dabei allzu lange damit aufzuhalten. Es handelt sich um den Text aus Hesekiel 37, die Vision von den verdorrten Gebeinen. Der Text ist recht bekannt; wir werden daher lediglich den Schlussabschnitt vorlesen.

11 Er sprach zu mir: „Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Sie sagen: ‚Unsere Gebeine sind verdorrt, unsere Hoffnung ist dahin, wir sind zerschmettert. ‘“ 12 Darumverkünden Sie ihnen ein Wort und sagen Sie ihnen: So spricht Gott, der Herr: Ich werde Ihre Gräber öffnen; ich werde Sie aus Ihren Gräbern heraufholen, o mein Volk, und Sie in das Land Israel zurückbringen. 13Ihrwerdet erkennen, dass ich der HERR bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufhole, o mein Volk. 14Ichwerde meinen Odem in euch legen, damit ihr lebt; ich werde euch in eurem Land ansiedeln; dann werdet ihr erkennen, dass ich, der HERR, es bin, der spricht und handelt – so spricht der HERR.“[1]


[1] Ökumenische Bibelübersetzung: umfassend das Alte und das Neue Testament … (Paris (58, rue de Clichy, 75009) 1977) Hes 37,11–14.

Wir befinden uns inmitten der dramatischen Situation des Exils in Babylon. Was ist aus den Verheißungen des Herrn geworden? Das gelobte Land ist nun verloren, eingenommen und wird von den Heiden, den Babyloniern, beherrscht. Ein großer Teil des Volkes befindet sich im Exil, fern von seiner Heimat. Der Tempel des Herrn wurde gnadenlos zerstört, ohne dass Gott eine solche Katastrophe verhindert hätte. Das Volk, enttäuscht und desillusioniert, hatte allen Grund zur Verzweiflung. Und Hesekiel bringt dies in einer eindringlichen Aussage in Vers 11 deutlich zum Ausdruck: „Unsere Hoffnung ist verschwunden.“ Die Übersetzung der TOB scheint die Kraft des Ausdrucks etwas abzuschwächen, der wörtlich übersetzt lauten könnte: „ Unsere Hoffnung ist gestorben, ist verloren.“[1] Und es ist Gott selbst, der dem Propheten diese Aussage des Volkes übermittelt: Unsere Hoffnung ist gestorben.


[1] Sander, N. P. – Trenel, I., „אבד“, Hebräisch-Französisches Wörterbuch, 2. Aufhören zu existieren, verschwinden, verrotten, zugrunde gehen. Vgl. auch Koehler, L. – Baumgartner, W. – Richardson, M. E. J. – et al., Das hebräische und aramäische Lexikon des Alten Testaments

Doch um die Hoffnung des Volkes wiederzubeleben und neu zu erwecken, wird die Erinnerung erneut herangezogen, auch wenn der Begriff selbst nicht verwendet wird. Da ist insbesondere die Erinnerung an die Schöpfung: Der Gott, der aus dem Nichts geschaffen hat, ist derselbe, der selbst aus verdorrten Gebeinen neu erschaffen wird. Da ist die Erwähnung des lebensspendenden Atems, der rûaḥ, der Leben einhauchen wird (vgl. Gen 2,7). Darüber hinaus rufen die Begriffe „herausführen“ und „auf die Erde zurückbringen“ ausdrücklich die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten wach. Und dann gibt es noch jene Formulierung, die alle Wunder Gottes zusammenfasst und wie ein Refrain immer wiederkehrt: „Ich bin der Herr“ , denn mit diesem Namen ist die Erinnerung an so viele Wunder verbunden. So beschreibt Hesekiel die Hoffnung in dieser Passage. So wird, allgemeiner gesagt, die Hoffnung im Alten Testament dargestellt.

Im Neuen Testament hingegen wird hauptsächlich das Substantiv ἐλπίς (elpis), „Hoffnung“, verwendet (vgl. Röm 5,2–5; 8,24–25; 12,12; 15,13; Kol 1,27; Tit 2,13; 1 Petr 1,3.21), sowie das Verb ἐλπίζω (elpizō), „hoffen“, „seine Hoffnung setzen auf“ oder „vertrauen“ (vgl. Mt 12,21; Lk 6,34–35; Joh 5,45; Röm 15,24; 1 Kor 13,7; 15,19; Phil 2,19; 1 Tim 4,10; 6,17). Zu dieser grundlegenden Terminologie kommen weitere Ausdrücke hinzu, die die neutestamentliche Theologie der Hoffnung bereichern, insbesondere die Ausdrücke: „in Zuversicht erwarten“ oder „in Hoffnung empfangen“ (προσδέχομαι (prosdechomai): vgl. Mk 15,43; Lk 2,25.38; Tit 2,13), sowie der Begriff „Ausdauer“, der die durch die Hoffnung gestützte Standhaftigkeit des Gläubigen bezeichnet (ὑπομονή (hypomonē): vgl. Röm 5,3–5; 8,25; 15,4; Jak 1,3–4; Offb 13,10; 14,12).

Die Hoffnung, die im gesamten Alten Testament angekündigt und nach und nach vertieft wurde, findet ihre vollständige Erfüllung im Neuen Testament in der Person Jesu Christi. In ihm werden die Verheißungen Gottes Wirklichkeit, und die Hoffnung Israels steht fortan allen Völkern offen. Christus erweist sich somit als das Fundament, der Inhalt und die endgültige Erfüllung der christlichen Hoffnung. „ Die christliche Hoffnung ist kein bloßer frommer Wunsch, sondern vielmehr eine zuversichtliche Erwartung, die feste Gewissheit dessen, was noch unsichtbar und unbekannt ist (vgl. Röm 8,22–25). Mit anderen Worten: Die christliche Hoffnung ist die Haltung, die uns dazu bringt, uns radikal Gott zuzuwenden. Sie ist die aktive Erwartung, die uns dazu bringt, uns radikal Gott zuzuwenden. Sie ist die aktive Erwartung eines Gutes, das Gott selbst versprochen hat. . »[1]

Im Neuen Testament erscheint nach Christus, dem unübertrefflichen Vorbild aller Tugenden, eine außergewöhnliche Gestalt als Vorbild der Hoffnung: die Jungfrau Maria. Wir möchten untersuchen, inwiefern Maria Mutter und Vorbild der Hoffnung ist, und zwar anhand von vier bedeutenden Begebenheiten, von denen uns die Evangelien berichten: die Verkündigung, der Tempelgang, die Hochzeit zu Kana und der Tod Jesu am Kreuz.


[1] Monsignore Roger HOUNGBEDJI, O.P., Hirtenbrief „In der Hoffnung: Bewahren wir die Schöpfung!“ Nr. 5.

Maria, Mutter und Vorbild der Hoffnung im Neuen Testament

Wenn die Gestalt Mariens oft herangezogen und als Vorbild dargestellt wird, dann deshalb, weil sie Christus am nächsten steht und alle Geheimnisse seines irdischen Lebens aus nächster Nähe miterlebt hat. Darüber hinaus ist uns die Gestalt Mariens in gewisser Weise näher, da sie eine durch und durch menschliche Gestalt ist. Wir können sie daher neben Christus und nach ihm als Vorbild der Hoffnung betrachten, und zwar anhand einiger Begebenheiten, auf die hier kurz eingegangen werden soll.

Die Verkündigung (Lk 1,26–38)

In dieser Folge sehen wir, wie Maria eine Verheißung erhält, die jegliche menschliche Logik übersteigt. Als sie den Engel um Erklärungen bittet, versteht sie wahrscheinlich nicht viel davon. Das Einzige, was klar ist, ist, dass der Auftrag von Gott kommt und dass Gott gegenwärtig sein wird. Ohne Beweise oder Garantien zu verlangen, nimmt Maria das Wort Gottes in vollkommenem Vertrauen an; sie setzt ihre ganze Hoffnung auf Gott. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf Marias letzte Worte: „Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach Ihrem Wort“ (V. 38).

Zunächst soll der Ausdruck „Hier bin ich“ (im griechischen Text deutlich hervorgehoben: Ιδού) die Offenheit Marias betonen: ihre Aufnahmebereitschaft, ihre Empfänglichkeit, ihre Verfügbarkeit, ihre Hingabe sowie ihre Selbstüberlassung angesichts des plötzlichen Eintritts Gottes in ihr Leben. Maria willigt mit ihrem „Hier bin ich“ freiwillig ein, sich ganz Gott hinzugeben, ganz gleich, was eine solche Hingabe sie kosten mag. Was zählt, ist die Hingabe ihrer ganzen Person an einen Gott, den sie bis dahin als das Ganze, das einzig Notwendige, die Wahrheit ihres Lebens betrachtet hat. Beachten Sie den freiwilligen Charakter der Antwort: In völliger Freiheit übergibt Maria ihr Leben Gott als Opfergabe (vgl. Röm 12,1–2). Maria zeigt durch ihr „Fiat“, dass sie vollkommen bereit ist, ihr Leben als „lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer“ darzubringen.

Der Begriff „Magd“ ( „Ich bin die Magd des Herrn “) unterstreicht die Idee dieser Selbsthingabe noch stärker: Als Sklavin des Herrn (doulê) tritt sie vor Gott. Indem sie ihr Leben hingibt, möchte sie, dass dieses ganz im Dienst Gottes steht (seinem Heilswerk) stehen. In der biblischen Tradition bezeichnet der Titel „Diener Gottes“ nämlich jene, die Gott par excellence für sein Heilswerk berufen hat. Das zeigt, wie sehr dieser Titel zu Maria passt, deren Größe darin verkündet wird. Maria nimmt also die Rolle der Magd an – einer Magd, die sich freiwillig und aus freiem Willen gegenüber Gott verpflichtet, nach dem Vorbild Jesu, des Sohnes Gottes und Marias –, um am Heilswerk mitzuwirken. Für Maria geht es darum, eine völlige Unterwerfung unter Gott zu leben, eine Unterwerfung, die auch diejenige Jesu sein wird, der gekommen ist, um zu dienen und nicht, um bedient zu werden. Mit anderen Worten: Als Magd des Herrn nimmt Maria die Rolle der Mutter der Hoffnung in der Erwartung des bevorstehenden Heils ein – eine Rolle, die Jesus bis zu seinem Tod am Kreuz erfüllen wird.

In den Worten: „Mir geschehe nach Ihrem Wort“ erkennt Maria an, dass sie zwar Dienerin des Herrn und Mitwirkende am Heilswerk ist, dieses Werk jedoch nur durch die Kraft Gottes wirklich vollendet werden kann – er ist der Hauptakteur. Daher die Verwendung des Passivs ( „es geschehe mir “). Doch für Maria ist diese Kraft Gottes bereits im Wort des Engels, das sie empfangen hat, am Werk. Das griechische Wort rhêma (dem das hebräische dâbâr entspricht) bedeutet zugleich „Wort“ und das, was es aussagt, d. h. das Ereignis, die Sache. Wenn Gott spricht, fallen diese beiden Bedeutungen vollständig zusammen, denn „Er spricht, und es geschieht“ (Gen 1,1; Ps 33,6.9). Dieses Wort „rhêma“ ist charakteristisch für die Kapitel 1 und 2 des Lukasevangeliums. So kann für Maria nur die Kraft Gottes, die im Wort des Engels wohnt, die empfangene Verheißung in ihr verwirklichen. Sie erklärt sich bereit, an der Erfüllung dieser Verheißung mitzuwirken, doch Gott allein ist deren erster Urheber und Hauptakteur. Inwiefern kann dieses letzte Wort Marias aus dem Text des Lukas unsere christliche Hoffnung beflügeln?

Marias Worte scheinen unsere Aufmerksamkeit auf ihre Fähigkeit zu lenken, auf das Wort Gottes zu hören. Mit anderen Worten: Maria ist Mutter und Vorbild der Hoffnung durch ihre Fähigkeit, auf das Wort Gottes zu hören: „Selig sind vielmehr jene, die das Wort Gottes hören und es befolgen“ (Lk 11,28). In unserem christlichen Leben als Pilger der Hoffnung lädt uns die Haltung Marias dazu ein, Gott stets unseren eigenen Willen darzubringen, damit sich in uns das Ereignis (rhêma) verwirklicht, das in dem Wort enthalten ist, das wir bei unserer ersten Berufung zum christlichen Leben empfangen haben. In diesem Wort ist unser Lebensplan verankert, der die Wahrheit darstellt, auf die wir gemäß Gottes Plan antworten müssen. Maria lehrt uns, dass wir als Diener des Herrn – das heißt, in völliger Abhängigkeit und Bereitschaft gegenüber seiner Gnade (in einem Gehorsam, der dem ihres Sohnes Jesus nacheifert) – auch dem Plan Gottes (unserer Hoffnung) entsprechen können, der seit unserer Taufe in uns eingeschrieben ist. Mit anderen Worten: Durch das Hören müssen wir nach dem Vorbild Marias uns selbst loslassen (unsere persönlichen Wünsche und Pläne in Bezug auf Gott), um uns von der Kraft Gottes, die in seinem Wort wohnt, formen zu lassen. Kurz gesagt: Maria, als Mutter und Vorbild der Hoffnung, lädt uns ein, stets die Haltung der Selbsthingabe und der Offenheit für das Wort Gottes zu bewahren, wie sie Maria bei der Verkündigung gezeigt hat.

Der Gang zum Tempel (Lk 2,41–52)

In dieser Erzählung möchte ich Ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf den Dialog zwischen Jesus und Maria lenken (V. 48–49). In diesem Dialog fällt Folgendes auf:

Aus Marias Sicht: eine Bekräftigung der Blutsbande (familiäre Beziehungen), die das Jesuskind mit seinen Eltern verbinden. Im Namen dieser Bande (oder durch sie motiviert) suchten Maria und Josef drei Tage lang unter ihren Verwandten und Bekannten nach Jesus. Marias Vorwurf „Mein Kind, warum hast du uns das angetan?“ entspringt ihrer mütterlichen Zuneigung gegenüber dem Jesuskind. Die familiären Bindungen scheinen so stark zu sein, dass Maria und Josef, als sie Jesus nicht gefunden hatten, voller Angst waren.

Was Jesus betrifft: Den Blutsbande stellt er ein anderes Band gegenüber, nämlich das, das ihn mit seinem Vater verbindet. Für Jesus hat dieses Band Vorrang vor dem, das ihn mit Maria und Josef verbindet: „Wissen Sie denn nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss? “

Tatsächlich scheint Jesus in seiner Antwort seinen Eltern zu verdeutlichen, was eine wahre Reise nach Jerusalem bedeutet: ein Ort, an dem man sich mit den Angelegenheiten Gottes, des Vaters, befasst; ein Ort, an dem sich auch das gesamte Drama des österlichen Geheimnisses entfalten wird; ein Ort, an dem letztendlich unsere Hoffnung ruht. Dieser Aufbruch bedeutet einen Bruch mit den Bindungen des Blutes und der Verwandtschaft – Bindungen, die einen daran hindern könnten, ganz und gar für den Dienst an Gott bereit zu sein (vgl. Lk 18,28–30 // Mk 10,28–30 // Mt 19,27–29). Insofern sie sich auf den Weg nach Jerusalem begeben, dürften die Eltern Jesu ihn nicht dort suchen, wo sich die Blutsbande behaupten – die Suche dort würde unweigerlich zu Angst führen –, sondern sie müssen sich vielmehr dem Ort zuwenden, an dem sich die Bande der Vertrautheit mit Gott behaupten. Zu diesem Ort möchte Jesus sie zurückführen, indem er sich von ihnen suchen lässt. Der Aufbruch nach Jerusalem verlangt daher von Maria einen Bruch mit den Blutsbande, und genau das tat sie, indem sie all diese Dinge (diese Worte) treu in ihrem Herzen bewahrte. Das Bewahren des Wortes Gottes ist jedoch der eigentliche Ort des Hörens, der Ort, an dem die wahre Seligkeit gelebt wird (vgl. Lk 11,28). Obwohl Maria die Geschehnisse zunächst nicht verstand, ließ sie sich darauf ein und begab sich in die Schule ihres Sohnes. Mit anderen Worten: Maria akzeptiert, sich von der Nähe der natürlichen Bindungen zu lösen, die sie offenbar zu ihrem Sohn pflegte, um sich auf die Dynamik des Glaubens einzulassen, in der sich die innige Gemeinschaft mit Gott und die Identifikation mit der Wahrheit, die Christus ist, entfalten.

Im Zeichen der Hoffnung lässt sich diese Bereitschaft Marias mit dem Geist der evangelischen Armut in Verbindung bringen: „Selig sind die Armen im Geiste, denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3). Diese Seligpreisung erfordert in der Tat eine radikale Loslösung von sich selbst, einen Bruch mit jeglichem Genuss materieller Güter oder blutsverwandtschaftlicher Bindungen (Anhaftung an familiäre oder emotionale Bindungen), die daran hindern würden, sich den Realitäten des Reiches Gottes zu widmen. Mit anderen Worten: Diejenigen, die sich den Angelegenheiten Gottes widmen, sollten sich nicht so sehr von der Bindung an irdische Güter leiten lassen, dass sie die Realitäten der kommenden Welt aus den Augen verlieren. In dieser Perspektive ist auch die eindringliche Mahnung des Apostels Paulus zu verstehen: „ Ich sage Ihnen, Brüder: Die Zeit wird knapp. Von nun an sollen diejenigen, die eine Frau haben, so leben, als hätten sie keine; diejenigen, die weinen, so, als würden sie nicht weinen; diejenigen, die sich freuen, als ob sie sich nicht freuten; diejenigen, die etwas kaufen, als ob sie nichts besäßen; diejenigen, die diese Welt nutzen, als ob sie sie nicht wirklich nutzten. Denn sie vergeht, die Gestalt dieser Welt » (1 Kor 7,29–31). Durch ihre Armut im Herzen und ihre radikale Loslösung von jeglichem Genuss natürlicher Bindungen lehrt uns Maria, uns von den Realitäten dieser irdischen Welt zu lösen, um uns den Realitäten des Himmels zuzuwenden, wo unsere Hoffnung liegt. In dieser Hinsicht erweist sie sich als wahre Mutter und Vorbild der Hoffnung.

Die Hochzeit zu Kana (Joh 2,1–12)

Wir haben es hier mit einem der schwierigsten, aber auch am häufigsten kommentierten Texte des Johannesevangeliums zu tun. Der Text ist symbolisch und theologisch äußerst reichhaltig, doch werden wir uns in unserer Betrachtung nicht mit Details aufhalten, die uns von unserem Thema ablenken würden. Wir werden uns lediglich darauf beschränken, einige bedeutungsrelevante Aspekte hervorzuheben, die es uns ermöglichen, die Rolle Marias in Kana zu erkennen und die Bedeutung zu ergründen, die sich aus dieser Erzählung im Hinblick auf das Thema der Hoffnung ableiten lässt.

Zunächst einige Anmerkungen zum Text. Es lassen sich unbestreitbare Verbindungen zum Text aus Joh 19,25–27 (Maria am Fuße des Kreuzes) feststellen:

  • Die Anwesenheit Marias, der Mutter Jesu, der sie den Titel „Frau“ verleiht, wie in Joh 19,26. Dieses Wort „Frau“, das in den semitischen Sprachen einen Ehrentitel darstellt, verweist aus heilsgeschichtlicher Perspektive auf die Frau, neue Eva (Gen 2), die Frau aus Kapitel 12 der Offenbarung und an die „Stunde der Frau“ aus Joh 16,21.
  • Der Hinweis auf „die Stunde“ (in „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“) bezieht sich auf die entscheidende Stunde Jesu, nämlich seinen Tod am Kreuz. Die Stunde Jesu bei Johannes ist in der Tat der Moment, in dem sich das Werk endgültig erfüllt, für das er vom Vater in diese Welt gesandt wurde: der Sieg über Satan, die Sünde und den Tod (vgl. Joh 12,23–24.27–31–32). Durch seinen Tod am Kreuz vollzieht sich also das entscheidende Werk Jesu, das zur Auferstehung und zum Leben führt.

  • Das Wasser, das in Wein verwandelt wurde, auf das hier Bezug genommen wird, verweist auf die Symbolik von Blut und Wasser, die aus der Seite des gekreuzigten Jesus flossen. Wir kennen die theologische Bedeutung, die Johannes diesen beiden Elementen beimisst: Das Blut steht für die Eucharistie (der Wein, der zum Blut Christi wird) und das Wasser für die Taufe; beide fließen aus der Seite des gekreuzigten Jesus und begründen die Kirche (dargestellt durch den geliebten Jünger und Maria am Fuße des Kreuzes).

Weitere wichtige Anmerkungen, die insbesondere unsere Perikope betreffen:

Das Erstaunliche an diesem Text ist, dass die Brautleute mit keinem Wort erwähnt werden: Johannes beschränkt sich darauf, Jesus und seine Mutter zu nennen und zu sagen: „Es fand eine Hochzeit in Kana statt.“ Über die Braut und den Bräutigam wird nichts gesagt, doch scheint sich alles vielmehr auf die beiden Hauptfiguren der Erzählung zu konzentrieren, nämlich Jesus und Maria. Symbolisch präsentiert sich Jesus tatsächlich als der wahre Bräutigam in dem Sinne, dass letztlich er es ist, der den guten Wein spendet – Symbol der Liebe des Bundes. Von diesem Wein ist im Hohelied die Rede: „Deine Liebe ist köstlicher als Wein“ (Hld 1,2); „Wir preisen deine Liebe mehr als den Wein“ (Hld 1,4); „Wie köstlich ist deine Liebe … mehr als der Wein“ (Hld 4,10). Jesus ist also der Bräutigam, der die Macht hat, den Wein der messianischen Hochzeit zu schenken (vgl. Mk 2,22); er selbst stellt sich übrigens als der Bräutigam dar, der kommt, um mit den Seinen eine innige Beziehung aufzubauen (Mk 2,19–20).

Der neue Wein, den Jesus bringt, ist in Wirklichkeit die Art und Weise, wie er seine vollkommene innige Gemeinschaft mit dem Vater lebt. Diese Lebensweise möchte er als Bräutigam mit denen teilen, die er liebt.

Darüber hinaus präsentiert sich Maria als die wahre Braut, die treue Braut (im Gegensatz zur untreuen Braut, die Israel darstellt: vgl. Hos 2; Ez 16,38). Als treue Braut ist sie für die Nöte der Menschen empfänglich und vertraut voll und ganz auf ihren Sohn (den Bräutigam), dem sie sich im Glauben anvertraut, ohne jedoch in den Zuständigkeitsbereich Gottes einzugreifen. Alles, was sie anmerkt, ist: „Es ist kein Wein mehr da “, und nichts weiter. Daraus folgt: „Die wahre Ehe, für die die Hochzeit zu Kana ein Symbol ist, ist der Neue Bund, der in den Herzen Jesu und Marias gelebt wird. Sie sind einander stets gegenwärtig, um gemeinsam den Willen des Vaters zu erfüllen. Die Frucht ihrer Liebe wird die Kirche sein.“[1].


[1] P. Léon MARCEL, Ein Blick auf Jesus im Lichte des Johannesevangeliums, Kinshasa, Paulines, 2003, S. 40.

Ein weiterer interessanter Punkt ist die Aufforderung Marias an die Diener: „Was er euch auch sagt, das tut.“ Diese Formulierung findet eine Parallele in Marias Antwort bei der Verkündigung: „Mir geschehe nach Ihrem Wort“, was die aufmerksame Bereitschaft Marias, der „Magd des Herrn“, unterstreicht. Zu dieser Bereitschaft gegenüber dem Meister möchte sie die Diener einladen. Maria zeigt hier erneut ihre Eigenschaft als Braut in dem Sinne, dass sie, erfüllt vom Heiligen Geist, mit Jesus in einer tiefen Vertrautheit lebt, die es ihr ermöglicht, sich vom Willen des Vaters nähren zu lassen. Tatsächlich „ist ihre Reaktion dieselbe wie die Jesu. Sie wünscht sich, dass Jesus bei seinen Jüngern Anerkennung findet und dass das Ziel seiner gewaltigen Mission den Augen derer, die ihm bereits vertrauen, ein wenig offenbart wird“[1]. Maria weist durch diese Aufforderung also darauf hin, worin der Glaube der Jünger bestehen muss: ein unerschütterliches Vertrauen in Jesus zu setzen, ganz gleich, welchen Risiken sie sich aussetzen: „Sie müssen sich ohne zu zögern auf die Festigkeit des Wortes Jesu stützen. Man muss glauben, vertrauen und diesen Glauben in den Risiken verkörpern, die man auf sein Wort hin eingeht. Ihre Gewissheit muss sie zum Handeln bewegen“[2].


[1] Ebenda, S. 44. [2] Ebenda, S. 44

Welche Bedeutung lässt sich aus dieser Erzählung für das Thema der Hoffnung ableiten?

Zunächst lehrt uns Maria, wahre Bräute des Bräutigams (Christus) zu werden, das heißt, Menschen, die wie sie fähig sind, eine tiefe Liebesbeziehung zu Christus einzugehen. Diese Liebesbeziehung verwirklicht sich durch das Hören und die Umsetzung des Wortes Gottes – eine Umsetzung, die bis zur völligen Selbsthingabe reicht, ganz gleich, was es uns kosten mag. Der Eintritt in diese innige Beziehung zu Christus ermöglicht es uns, den Wein der Liebe zu kosten, den Wein der messianischen Zeiten, der nichts mit dem Reinigungswasser des Alten Bundes zu tun hat. Diese innige Beziehung zu Christus (dem wahren Bräutigam) ist der Ort unserer Hoffnung, das endgültige Ziel, auf das wir zugehen.

Um wahre Bräute Christi zu werden, sind wir zugleich dazu aufgerufen, wie Maria ein offenes Ohr für die wahren Nöte der Menschen unserer Zeit zu haben. Dank der Liebe, die Maria mit dem Bräutigam verband, erkannte sie schnell die wahren Bedürfnisse der Hochzeitsgäste und konnte für sie beim Bräutigam Fürsprache einlegen, der nicht zögerte, den kostbarsten Wein bereitzustellen – Quelle einer unerwarteten Freude. Unsere christliche Berufung in der Welt besteht vor allem darin, ein Gespür für die Bedürfnisse der Männer und Frauen unserer Zeit zu entwickeln und Mitgefühl für ihre Nöte und Mängel zu zeigen. Wie Maria müssen auch wir dank unserer liebevollen und innigen Beziehung zum Bräutigam in der Lage sein, ihnen den neuen Wein zu bringen, der sie zutiefst trösten und ihnen neues Leben schenken kann. Gerade darin könnte unser christliches Leben ein Lichtpunkt inmitten der Nöte unserer Welt sein, und wir könnten wahrhaftig die Rolle des „Salzes der Erde“ und des „Lichts der Welt“ (Mt 5,13–16) übernehmen. Nur wenn wir – ganz nach dem Vorbild Mariens (der vorbildlichen Braut in Verbundenheit mit dem Bräutigam) – fest mit Christus verbunden sind, können wir unseren Auftrag in der Welt tatsächlich erfüllen.

Maria am Fuße des Kreuzes: (Joh 19,25–27)

Dieser Bericht des Johannes versetzt uns in den entscheidenden Moment im Leben Jesu: Es ist der Augenblick, in dem sich die Kenosis Jesu vollzog, d. h. die Tatsache, dass er sich durch die völlige Hingabe seines Lebens selbst entäußerte. Die vorangegangenen Verse (V. 23–24) zeigen uns anhand der Verteilung der Kleider (dem einzigen Besitz, den Jesus noch am Leib trug), wie weit diese Hingabe reichte.

Maria, am Fuße des Kreuzes, wird diesen schmerzhaften Augenblick in ihrem Innersten erleben. Dies ist der Moment, in dem sich in ihr die Prophezeiung des Simeon erfüllt: „Und auch dir selbst wird ein Schwert die Seele durchbohren “ (Lk 2,35). Am Fuße des Kreuzes ist Maria somit in innigster Verbundenheit mit ihrem leidenden Sohn, der aller Besitztümer beraubt und völlig mittellos ist. Doch diese Verbundenheit mit Jesus in der Stunde seines Todes wird unweigerlich Früchte tragen: Es ist der Sohn, der Maria geschenkt wird, als Jesus im Sterben liegt: „Frau, siehe, dein Sohn!“ (V. 26–27).

So scheint es am Kalvarienberg, als würden alle Verheißungen zusammenbrechen. Doch sie, Maria, weiß in ihrem Herzen, dass die Stunde gekommen ist. Sie bleibt an der Seite ihres gekreuzigten Sohnes stehen. Auch wenn sie das sich vollziehende Geheimnis vielleicht nicht ganz versteht, bleibt sie in ihrer Treue standhaft. So wird sie zum Sinnbild der Hoffnung, die der Prüfung standhält und weiter glaubt, wenn jegliches Licht verschwunden zu sein scheint. Mit den Worten: „Am Kreuz Jesu stand seine Mutter …“ (Joh 19,25) stellt das vierte Evangelium zwei starke Symbole einander gegenüber: einerseits Jesus, der machtlos schien und in die Hände seiner Gegner ausgeliefert war, und andererseits eine Frau, die aufrecht dastand und offenbar weiterhin daran glaubte, dass noch nicht alles vorbei war, sondern dass alles vollbracht war. Zu Recht lauteten die letzten Worte Jesu am Ende dieser Episode: „Es ist vollbracht.“ Hoffnung ist kein Triumphglaube. Sie bedeutet, dem Plan Gottes demütig zu folgen, wie auch immer dieser aussehen mag.

Die Jungfrau Maria erscheint uns somit als Mutter und Vorbild der Hoffnung in dem Sinne, dass sie ihr ganzes Leben lang eine vollständige Hingabe ihrer Person an Gott gezeigt hat – eine Hingabe, die sie dazu führte, das Wort Gottes in ihrem Schoß aufzunehmen und es der Welt zu schenken. Maria als Vorbild zu nehmen bedeutet nicht, ihre Erfahrung nachzuahmen oder das, was sie erlebt hat, zu kopieren – das wäre uns ja gar nicht möglich. Es geht vielmehr darum, uns persönlich Christus zu verpflichten, in der Gemeinschaft mit seinem Leiden, seinem Tod und seiner Auferstehung. Das bedeutet, dass die Gemeinschaft mit dem Leiden und dem Tod Christi unweigerlich zu einem neuen Leben führt.

In diesem Sinne bekräftigt der Apostel Paulus:

„ Denken Sie an Jesus Christus, der von den Toten auferstanden ist … Wenn wir mit ihm gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben. Wenn wir standhaft bleiben, werden wir mit ihm herrschen. Wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen. Auch wenn wir untreu sind, bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen » (2 Tim 2, 8. 11–13).

Maria, das Vorbild der Hoffnung, ist jene, die sich niemals vor den Folgen ihres Engagements gescheut hat: Sie begleitete ihren Sohn bis zum Fuße des Kreuzes, sie sagte stets „Ja“ zu Gott – ein Ja, das Zeichen ihrer Vereinigung mit Christus ist. Maria als Vorbild der Hoffnung anzunehmen bedeutet daher, sich unserer eigenen christlichen Berufung zu stellen, indem wir unser „Ja“ täglich vor Gott erneuern. Diese Erneuerung erfordert von uns, dass wir uns Gott hingeben (vgl. Röm 12,1–2), um die Leiden unseres Lebens im Glauben anzunehmen.

Fazit

Maria ist wahrhaftig eine Mutter und ein Vorbild der Hoffnung, da sie uns lehrt, als wahre Diener Gottes auf das Wort Gottes zu hören. In dieser Hinsicht lehrt sie uns, in einem Geist der Armut zu leben, der uns befähigt, uns aus dem Griff der irdischen Realitäten zu befreien, um nach den ewigen Realitäten zu streben. Das Leben in tiefer inniger Verbundenheit mit Christus, das wir stets anstreben sollten, ist der Garant für diese innere Befreiung, die uns dazu befähigt, uns ganz Gott hinzugeben und auf die wahren Bedürfnisse der Männer und Frauen unserer Zeit einzugehen. Darüber hinaus lehrt uns Maria durch die Gemeinschaft mit dem Leiden und dem Tod Jesu am Kreuz, dass wir die Leiden unseres Lebens annehmen und als Männer und Frauen der Hoffnung leben können, indem wir uns innig mit dem Leiden ihres Sohnes vereinen.

Lassen Sie uns unsere Betrachtung abschließen, indem wir unseren Blick auf Maria im Abendmahlssaal richten (Apg 1,14). Der Abendmahlssaal ist ein weiterer Ort, an dem Maria den noch zögernden Jüngern ihre Hoffnung auf wahrhaftige Weise bezeugt. Sie ist inmitten der Apostel in Erwartung von Pfingsten anwesend. Sie begleitet die Entstehung der Kirche durch beharrliches und vertrauensvolles Gebet. Wie einst in Nazareth bleibt sie offen für das Wirken des Heiligen Geistes und wird zum Vorbild für die Kirche, die in der Hoffnung auf die Erfüllung der Verheißungen Christi wacht.

Werfen wir einen etwas kritischen Blick auf diese scheinbar banale Aussage und versuchen wir, sie in ihren Kontext zu stellen. Jesus war gestorben. Alle waren verzweifelt gewesen. Dann hatten sie ihn auferstanden gesehen. Er war ihnen erschienen und hatte sie mit Freude erfüllt. Dann war er in den Himmel aufgefahren. Dann: nichts mehr. Sie standen da und warteten, da er keinen Zeitrahmen für die Gabe des Heiligen Geistes genannt hatte. Das konnte eine ziemlich schwierige, bedrückende Zeit sein: Man wartet auf unbestimmte Zeit, ohne genau zu wissen, wie lange das Warten dauern wird oder wie es beendet werden wird. Denn Jesus hatte nie genau angegeben, auf welche Weise der Heilige Geist geschenkt werden würde. Was tat Maria in dieser Zeit? Lukas berichtet uns: „Alle waren einmütig im Gebet vereint, zusammen mit einigen Frauen, darunter Maria, die Mutter Jesu. “ (Apg 1,14). Ja, als Mutter und Vorbild der Hoffnung lehrt uns Maria, beharrlich im Gebet zu sein, in der Erwartung der Erfüllung der Verheißungen Gottes. In seiner Enzyklika „Redemptoris Mater“[1] stellt der heilige Papst Johannes Paul II. sie als die Frau der „Pilgerreise des Glaubens“ dar, deren ganzes Leben von einem unerschütterlichen Vertrauen in die Verheißungen Gottes geprägt ist, selbst wenn diese noch im Dunkeln liegen.

Mögen wir wie Maria Männer und Frauen sein, die im Gebet verwurzelt sind, damit wir in unerschütterlichem Vertrauen auf die Erfüllung der Verheißungen Gottes hoffen können.


[1] Johannes Paul II., Redemptoris Mater, Nr. 14–19.

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